PE von BEFORE vom 28.10.2016: BEFORE zieht erste Bilanz

BEFORE zieht erste Bilanz: hohe Nachfrage nach Beratung für Betroffene rechter und rassistischer Gewalt und Diskriminierung. Interessen der Betroffenen müssen mehr Aufmerksamkeit erfahren. Zivilgesellschaftliches Engagement für die Rechte Betroffener muss gestärkt werden.


Im März 2016 hat BEFORE, die Beratungsstelle für Betroffene von rechter und rassistischer Gewalt und Diskriminierung in München, ihre Arbeit aufgenommen. Die erste Zwischenbilanz nach einem halben Jahr Beratungs- und Unterstützungsarbeit zeigt: der Bedarf ist hoch, viele Menschen nehmen die Angebote von BEFORE in Anspruch. Die vier Beraterinnen und Berater haben bereits über 50 Fälle aus den Feldern Antidiskriminierung und rechte und rassistische Gewalt betreut. Dauer und Intensität der Beratung orientieren sich dabei an den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen.


„Unsere Arbeit ist schnell und gut aufgenommen worden“ erklärt Sigi Benker, geschäftsführender Vorstand von BEFORE. „BEFORE hat eine Leerstelle besetzt. Auch wenn es gut ist, dass viele Menschen unser Angebot in Anspruch nehmen, zeigt sich darin ein tiefgreifendes gesellschaftliches Problem: Gewalt und Diskriminierung gegenüber Menschen aufgrund von angenommener Herkunft, Geschlecht, Religion, Behinderung, sozialem Status, sexueller Identität und politischem Engagement sind, auch in einer Stadt wie München, für viele Menschen alltäglich.“


Die meisten Ratsuchenden haben schon vielfach Diskriminierungen erfahren, bevor sie auf die Angebote von BEFORE zurückgreifen. „Wir erleben immer wieder, dass Menschen jahrelang Diskriminierungen und Ausgrenzungen über sich ergehen lassen, bevor sie aktiv werden und sich Hilfe holen. In den seltensten Fällen geht es um einzelne Diskriminierungsakte, sondern meistens um kontinuierliche Diskriminierungserfahrungen der Betroffenen. Dem versuchen wir in unserem Beratungsangebot gerecht zu werden“ so Nimet Gökmenoğlu, Beraterin im Fachbereich Antidiskriminierung. BEFORE stellt dabei immer die Perspektive der Betroffenen in den Mittelpunkt und nimmt deren Bedürfnisse ernst. „Ebenso schwer wie Diskriminierung selbst, wiegt oft das Gefühl alleine dazustehen. Dem wollen wir mit einer solidarischen Beratungstätigkeit entgegenwirken und Betroffene dabei unterstützen, verlorene Sicherheit und Selbstbewusstsein zurückzugewinnen und die eigenen Rechte wahrzunehmen.“


Aktuelle sozialwissenschaftliche Studien, wie die jüngst veröffentlichten Studien zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Bayern[i], der Bericht über rassistische Gewalt in Deutschland von Amnesty International[ii] oder auch die aktuelle ‚Mitte-Studie‘[iii], betonen einen Zusammenhang zwischen der Abwertung einzelner Bevölkerungsteile im öffentlichen Diskurs und der Bereitschaft zu handfester Gewalt. Rechte Hetze gegen Flüchtlinge und Migranten, aber auch gegen Lesben, Schwule, Transgender, Menschen mit Behinderungen und viele andere, ist der Nährboden für psychische wie physische Gewalt. BEFORE bestätigt diesen Zusammenhang in einer ersten Bilanz der eigenen Arbeit.


Oft sind es äußere Merkmale, wie Hautfarbe oder Kleidung, nach denen rassistische Täter ihre Opfer aussuchen. Aktuell betreut BEFORE mehrere Fälle in denen Frauen, die ein Kopftuch trugen, Diskriminierungen und Gewalt erfahren haben. In einem Fall wurde eine Frau in aller Öffentlichkeit von einem ihr zuvor nicht bekannten Täter körperlich angegriffen. Zum Ziel des Angriffs wurde sie nur, weil der Täter sie als Muslima identifizierte. „Fälle wie dieser werden nur dann verständlich, wenn wir sie im Kontext des weit verbreiteten antimuslimischen Rassismus von Akteuren wie Pegida und AfD betrachten. Wir beobachten, dass die Hemmschwelle für rechte und rassistische Gewalt sinkt. Gewalt wird zunehmend auch von Personen ausgeübt, die zuvor nicht in rechten Zusammenhängen auffällig wurden“ so Christine Umpfenbach, Beraterin im Fachbereich Rechte/Rassistische Gewalt. „Im Unterschied zu den Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden geben wir den Einschätzungen der Betroffenen und der Qualität der Tat ein höheres Gewicht. Daher begreifen wir auch viele Fälle als rechte Gewalt, die von der Polizei nicht als solche anerkannt werden. Für viele unserer Ratsuchenden ist diese Anerkennung als Opfer rechter und rassistischer Gewalt wichtig, sie hilft ihnen auch bei der Bewältigung der Gewalterfahrung.“


Die hohe Nachfrage bei BEFORE macht deutlich, wie wichtig unabhängige Beratungsangebote für Betroffene rechter und rassistischer Gewalt und Diskriminierung sind. Das stellt BEFORE mitunter selbst vor Herausforderungen: „Wir erhalten viele Anfragen von außerhalb Münchens, obwohl wir aufgrund unserer Struktur nur den Bereich der Stadt München betreuen können. Insbesondere im Fachbereich Antidiskriminierung gibt es bayernweit keine Stellen an die wir Betroffene verweisen könnten.  „Es ist an der Zeit, auch über München hinaus, zivilgesellschaftliche Angebote gegen rechte und rassistische Gewalt finanziell und personell zu stärken und Angebote gegen Diskriminierung zu schaffen“ so Christian Ude, Vorsitzender von BEFORE e.V. „Um rechte Gewalt und Diskriminierungen zurückzudrängen, brauchen wir ein vielfältiges zivilgesellschaftliches Engagement, das menschenverachtende Gewalt und Diskriminierung klar benennt und ihr offensiv entgegentritt. Oberstes Gebot ist dabei die Solidarität mit den Betroffenen. Ziel ist die gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion, Behinderungen, sozialem Status oder sexueller Identität.“

 

[i] Werner Fröhlich, Christian Ganser, Eva Köhler: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Bayern, München 2016; http://www.ls4.soziologie.uni-muenchen.de/forschung/aktuelle_forschungsprojekte/einstellungen2016/forschungsbericht_gmf_2016.pdf


[ii] Amnesty International: Leben in Unsicherheit – Wie Deutschland die Opfer rassistischer Gewalt im Stich lässt, London 2016; https://www.amnesty.de/files/Amnesty-Bericht-Rassistische-Gewalt-in-Deutschland-Juni2016.pdf


[iii] Elmar Brähler, Oliver Decker, Johannes Kiess (Hg.): Die enthemmte Mitte, Gießen 2016; https://www.boell.de/sites/default/files/2016-06-mitte_studie_uni_leipzig.pdf

 

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