Helmut Sackers hat gegen das Abspielen des „Horst-Wessel-Liedes“ interveniert und wurde dafür von seinem Nachbarn erstochen: zum 18. Todestag von Helmut Sackers ruft Mobile Opferberatung Sachsen-Anhalt zu Online-Kampagne auf

#KeinVergessen #HelmutSackers

Am vergangenen Wochenende – als etwa 1000 Neonazis im sächsischen Ostritz unter Führung von Blood&Honour und Combat 18 mit Rechtsrock und Kampfsportevents öffentlich den Nationalsozialismus und menschenverachtende, mörderische Gewalt verherrlichten, wäre der engagierte Sozialdemokrat Helmut Sackers 78 Jahre alt geworden.

Doch Helmut Sackers verblutete am Abend des 29. April 2000 im Treppenhaus eines Plattenbaus in Halberstadt an vier Messerstichen, die ihm sein langjährig in der Neonazi-Szene aktiver Nachbar zugefügt hatte. Eine Stunde zuvor hatte Helmut Sackers die Polizei gerufen, weil er das laute Abspielen von Nazimusik, darunter das verbotene Horst-Wessel-Lied, in der Nachbarwohnung nicht dulden wollte.

Der Tod von Helmut Sackers blieb ungesühnt, der 60-Jährige wurde stattdessen durch die Justiz zum Täter gemacht. In zwei Prozessen behauptete der Angeklagte, er sei von dem 30 Jahre älteren Helmut Sackers angegriffen worden und habe in Notwehr zum Messer gegriffen. Auch wenn das Gericht in zweiter Instanz Helmut Sackers couragierte Intervention gegen die Begleitmusik zu Mord und Totschlag ausdrücklich als „Zivilcourage gegen Rechts“ würdigte, wurde der Angeklagte trotz zahlreicher anderslautender Beweise mit der Begründung „Notwehrexzess“ freigesprochen. Aufgrund des Freispruchs blieb den Angehörigen von Helmut Sackers auch die offizielle Anerkennung des Tötungsverbrechens als politisch rechts motiviert verwehrt (ausführlich: www.rechte-gewalt-sachsen-anhalt.de/todesopfer/helmut-sackers/).

Seitdem kämpft Heide Dannenberg, die langjährige Lebensgefährtin von Helmut Sackers, dafür, dass ihr Partner nicht umsonst gestorben ist. Wir teilen ihr Ziel: Daran zu erinnern, wie wichtig Zivilcourage und konkrete Solidarität mit Opfern rechter Gewalt und deren Angehörigen sind (siehe u.a. www.mobile-opferberatung.de/doc/news/heide_interview_webversion.pdf). Anlässlich des 18. Todestags von Helmut Sackers rufen wir unter den Hashtags #KeinVergessen und #HelmutSackers zu Gedenkaktionen und Beiträgen in Erinnerung und Würdigung Helmut Sackers Zivilcourage, gegen rechte, rassistische, antisemitische, sozialdarwinistische, homo- oder transfeindliche Aktivitäten auf.

Mit dem diesjährigen Aufruf wollen wir die Zivilcourage Helmut Sackers über Halberstadt hinaus in Erinnerung rufen und zugleich zum Nachdenken darüber anregen, wie notwendig das Engagement gegen rechte und rassistische Hetze und Gewalt ist“, betont eine Sprecherin der Mobilen Opferberatung. Dazu wird am kommenden Sonntag, dem 29. April 2018, auf Facebook (Mobile Opferberatung) und Twitter (@opferberatung) ein Gedenkpost für Helmut Sackers eingestellt. Darunter bzw. unter dem dazugehörigen Aufruf werden wir um Ihre und Eure solidarischen Posts bitten: mit Eurer Anteilnahme, Euren Gedanken und Wünschen zum Thema oder Fotos Eurer Aktionen vor Ort.

Gedenken vor Ort

Erst 14 Jahre nach der schrecklichen Tat wurde Helmut Sackers erstmals vor Ort für seine Zivilcourage gewürdigt: Auf Initiative jugendlicher Antifaschist*innen, in Zusammenarbeit mit der damaligen Lebensgefährtin Helmut Sackers, der Mobilen Opferberatung und mit Unterstützung des Bürgerbündnis Halberstadt fanden seit 2014 an seinem Todestag Gedenkveranstaltungen statt. Das erklärte Ziel, einen Gedenkort in Halberstadt zu schaffen, wurde noch nicht erreicht und braucht weiteres Engagement.

Wie nicht zuletzt das jüngste Beispiel des Neonazifestivals in Ostritz zeigt, ist ein Eintreten gegen rechte Musik, Hetze und Gewalt wichtiger denn je. Die Blood&Honour- und Combat 18-Netzwerke, die die derzeit größten RechtsRock-Veranstaltungen organisieren, waren auch wichtiger Bestandteil des Unterstützer*innen-Netzwerks des Nationalsozialistischen Untergrunds. Die Begleitmusik für Mord und Totschlag, die in Ostritz oder Themar zu hören war, verbreitet einen mörderischen Rassismus und trägt wesentlich zur Finanzierung neonazistischer Strukturen bei.