Pressemitteilung: Sachsen-Anhalt nach der Wahl – Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt dürfen nicht allein gelassen werden
Der VBRG fordert: Mobile Opferberatung und zivilgesellschaftliche Strukturen müssen gesichert blieben – Bund muss Verantwortung für Betroffene übernehmen
Berlin/Magdeburg, 10. September 2026
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die politische Ausgangslage für die kommende Landesregierung grundlegend verändert.
Das Wahlergebnis steht dabei nicht für sich. Es steht im Zusammenhang mit einer Entwicklung, in der menschenfeindliche und ausgrenzende Positionen zunehmend gesellschaftlich und politisch normalisiert werden. Diese Normalisierung schafft zugleich Raum für rechte Akteur*innen, ihre Positionen sichtbarer zu machen und demokratisches Engagement unter Druck zu setzen. Für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt kann das bedeuten, dass ihre Erfahrungen und Perspektiven weniger Gehör finden und sie sich zunehmend aus dem öffentlichen Raum zurückziehen, weil sie dort keinen ausreichenden Schutz erfahren.
Eine unverzichtbare Struktur gerät unter Druck
Die AfD hat bereits vor der Wahl angekündigt, staatlich geförderte zivilgesellschaftliche Organisationen und Demokratieprojekte zurückzudrängen. Davon ist auch die Mobile Opferberatung in Trägerschaft von Miteinander e.V. bedroht. Sollte eine künftige Landesregierung die Förderung beenden, wäre eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt gefährdet.
Damit steht auch die Mobile Opferberatung in Trägerschaft von Miteinander e.V. vor einer unsicheren Zukunft. Sie ist eine zentrale Anlaufstelle für Menschen, die nach einem Angriff unabhängige Beratung und Unterstützung brauchen. Für Betroffene rechter, rassistischer oder antisemitischer Gewalt kann das unmittelbare Folgen haben: Sie sind auf unabhängige Beratung angewiesen, die sie bei der Durchsetzung ihrer Rechte unterstützt und ihnen hilft, mit den Folgen der Gewalt umzugehen. Werden diese Strukturen geschwächt oder abgeschafft, stehen Betroffene mit den Folgen der Gewalt allein da.
Die Mobile Opferberatung wurde 2001 gegründet und begleitet seit 25 Jahren Menschen nach rechten, rassistischen und antisemitischen Gewalttaten und Anschlägen. Seit ihrer Gründung hat sie mehrere tausend Betroffene professionell beraten und begleitet. Als Gründungsmitglied des VBRG gehört sie zu den zentralen Strukturen der Betroffenenberatung in Sachsen-Anhalt. Die VBRG-Mitgliedsorganisationen setzen dieser Entwicklung seit Jahren unabhängige Unterstützung und die Perspektiven der Betroffenen entgegen. Sie beraten Menschen, die angegriffen, bedroht oder eingeschüchtert werden, und unterstützen sie dabei, ihre Rechte durchzusetzen und die Folgen eines Angriffs zu bewältigen.
Die Gewalt bleibt hoch – Beratung bleibt unverzichtbar
Wie dringend diese Arbeit gebraucht wird, zeigt auch die aktuelle Gewaltbilanz: Für 2025 dokumentierte die Mobile Opferberatung in Sachsen-Anhalt 229 rechte, rassistische, antisemitische und queerfeindliche Angriffe mit 307 direkt Betroffenen.
Für Betroffene endet die Belastung nicht mit dem Angriff. Die Folgen können weit über den unmittelbaren Moment hinausreichen: psychische Belastungen, Angst und Unsicherheit können den Alltag prägen und die Teilhabe am öffentlichen Leben erschweren. Hinzu kommen konkrete Fragen zu den eigenen Rechten, zum Umgang mit Behörden und zum weiteren Umgang mit den Folgen der Gewalt.
Wenn unabhängige Beratungsstrukturen wegfallen, entsteht nicht nur eine Versorgungslücke. Betroffene laufen Gefahr, mit den Folgen der Gewalt allein gelassen zu werden und sich aus Angst und Unsicherheit aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. Damit drohen freie Räume weiter unter Druck zu geraten, während rechte Akteur*innen ihre Raumnahme ausweiten können.
Umso wichtiger sind unabhängige Beratungsstellen, die Betroffene nicht allein lassen. Sie bieten Unterstützung nach Angriffen, helfen bei der Durchsetzung von Rechten und stärken Menschen darin, sich gegen Einschüchterung und Gewalt zur Wehr zu setzen. Werden solche Angebote durch öffentliche Kürzungen geschwächt, verschärft sich die Situation für Betroffene zusätzlich.
VBRG fordert Verantwortung von Bund und Land
„Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Sachsen-Anhalt sind jetzt mehr denn je auf die solidarische und professionelle Beratung und Unterstützung angewiesen, die die Mobile Opferberatung in Trägerschaft von Miteinander e.V. seit 25 Jahren anbietet. Die Bundesregierung und das Bundesfamilienministerium sind aufgefordert, ihrer Verantwortung für Gewaltbetroffene gemäß der Opferschutzrichtlinie 2012/29/EU nachzukommen und im Fall einer AfD-Landesregierung für den Wegfall der Landesförderung einzuspringen“
sagt Berkant Göcek, Vorstand des VBRG e.V.
Der VBRG fordert die künftige Landesregierung in Sachsen-Anhalt auf, die Mobile Opferberatung dauerhaft zu sichern. Sollte eine AfD-geführte Landesregierung die Förderung von Miteinander e.V. und damit der Mobilen Opferberatung beenden, müssen Bundesregierung und insbesondere das Bundesfamilienministerium sicherstellen, dass für Betroffene keine Versorgungslücke entsteht.
Betroffene dürfen nicht allein gelassen werden. Die professionelle Opfer- und Betroffenenberatung muss erhalten bleiben.
