Folge #43 Vor Ort – gegen Rassismus, Antisemitismus und rechte Gewalt. Die Podcastserie von NSU Watch und VBRG e.V.

Kontinuitäten von Antisemitismus

Mit Marina Chernivsky, Leiterin von OFEK e.V., Rachel Spicker von der Mobilen Opferberatung in Sachsen-Anhalt und Benjamin Steinitz, Geschäftsführer des Bundesverbands Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus – RIAS e.V.

22.10.2023

Schwerpunkt des Podcast #43 „Vor Ort“ sind die Kontinuitäten von Antisemitismus und die massiven Auswirkungen der Terrorangriffe der islamistischen Hamas auf die Zivilgesellschaft in Israel auch auf Jüdinnen*Juden in Deutschland. „Das Sicherheitsgefühl von Jüdinnen*Juden in Deutschland hat sich aufgrund des eskalierenden gewalttätigen Antisemitismus akut verschlechtert,“ sagt Benjamin Steinitz vom Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e.V. (RIAS) im Podcast #43 „Vor Ort“. Seit Beginn der Terrorangriffe der islamistischen Hamas auf die Bevölkerung in Israel hat der Bundesverband RIAS allein im Zeitraum vom 9. bis 15. Oktober 2023 über 200 antisemitische Vorfälle registriert. Rachel Spicker, die als Beraterin bei der Mobilen Opferberatung in Sachsen-Anhalt seit vier Jahren die Überlebenden des antisemitisch motivierten, rassistischen und rechtsterroristischen Attentats in Halle (Saale) unterstützt und Marina Chernivksy, Leiterin von OFEK e.V., sprechen über die kollektive Angst, die mit den massiven antisemitischen Angriffen einhergeht, deren Auswirkungen auf das individuelle Leben vieler Betroffener in Deutschland sowie Beratungs- und Unterstützungsangebote. Im Podcast #43 sind ein Gespräch mit Marina Chernivsky vom 20. Oktober 2023 zu hören sowie Benjamin Steinitz und Rachel Spicker mit ihren Statements für ein Pressegespräch des VBRG e.V. am 19. Oktober 2023, in dem die Opferberatungsstellen und RIAS e.V. vor einer Eskalation antisemitisch und rassistisch motivierter Gewalt und Bedrohungen gewarnt und betont haben: „Aktuelle Diskurse verschärfen und reproduzieren Antisemitismus und Rassismus.“

„Der 4. Jahrestag des Halle-Anschlags wurde durch die anhaltenden, grausamen und kaum in Worte zu fassenden Nachrichten aus Israel überschattet. Während des 9. Oktober hielten die Kämpfe weiter an, die Anzahl der Todesopfer, der Verletzten sowie der Vermissten und der nach Gaza verschleppten Menschen stieg kontinuierlich an. Einige jüdische Überlebende leben selbst in Israel und/oder haben Familie und Freund*innen dort“, berichtet Rachel Spicker im Podcast. „Die jüdischen Überlebenden und die jüdische Gemeinde Halle erhielten am 9. Oktober sowohl von der Öffentlichkeit als auch von angereisten Initiativen, in denen sich Angehörige Ermordeter sowie Überlebende weiterer rassistischer Anschläge aus Städten wie Hanau, München, Berlin, Dortmund und Kassel organisieren, viel Solidarität und Unterstützung.“

„Uns überwältigt das steigende Beratungsaufkommen und das Ausmaß der Erschütterung und sekundären Traumatisierung“, sagt Marina Chernivsky, Leiterin von OFEK e.V., der ersten Fachberatungsstelle in Deutschland, die auf Antisemitismus und Community-basierte Beratung spezialisiert ist. OFEK berät, begleitet und unterstützt Betroffene, ihre Angehörigen sowie Zeug*innen antisemitischer Vorfälle und Gewalttaten. „Beratungsanfragen beziehen sich auf konkrete Vorfälle im unmittelbaren Umfeld. Wir haben es mit Angriffen und Übergriffen auf offener Straße, mit verbalen Attacken und mit Hetze im digitalen Raum zu tun.“ Marina Chernivsky betont im Podcast auch die Notwendigkeit von mehr Solidarität: „Wir sind wütend über die ausgebliebene, mangelnde Solidarität von Seiten der Zivilgesellschaft. Viele Jüdinnen und Juden durchleben jetzt ein tiefes Trauma. Die multible Bedrohung aus dem sozialen Umfeld verunmöglicht die Verarbeitung und den Trauerprozess. Wir wissen, dass Solidarität und klare Anteilnahme die primäre Erfahrung der Gewalt abschwächen kann. Diese tritt aber nur partiell ein.“

Im Mittelpunkt der Podcastserie „Vor Ort“ stehen Analysen, Beispiele und Hintergründe dazu, wie Rassismus, Antisemitismus und rechte Gewalt den Alltag vieler Menschen beeinträchtigen und beeinflussen. Und natürlich die Frage der Solidarität.